Prävention als eine Kultur des Hinschauens

Wenn in den Medien ein Fall präsent wird, ploppt ein Thema und Phänomen auf, dass es weltweit gibt und gerne tabuisiert wird: das Thema Patiententötung in der Pflege. Patiententötungen durch Pflegekräfte sind indes die schlimmste Form von Gewalt, die tatsächlich überall in der Welt geschehen kann, mit verheerenden Auswirkungen für die Betroffenen, die jeweilige Einrichtung, deren Personal und für die Pflegebranche allgemein.

Mein Name ist Andreas Becker und ich arbeite hauptberuflich als Pflegedienstleiter. Ich habe schon vor über 15 Jahren begonnen, mich mit der Thematik auseinanderzusetzen, um letztlich sogar meine Facharbeit in der Prüfung zur verantwortlichen Pflegefachkraft darüber zu schreiben. Das Thema Patiententötung ist für mich bis heute eine der s.g. GAU-Fragen. GAU bedeutet der Größte Anzunehmende Unfall, den man sich in seiner Einrichtung vorstellen kann:

„Stellen sie sich vor, jemand erzählt ihnen, dass in Ihrer Station, Abteilung, Klinik, Heim in einem Jahr ein Mitarbeiter Patienten töten wird, wenn alles so bleibt, wie es jetzt ist; was werden sie tun.“
Zitat: Prof. Klaus Dörner

Dörner war Klinikchef in einem Krankenhaus in Gütersloh, in dem es 1990 zu Patiententötungen durch einen Pfleger kam und er gilt bis heute als einer der führenden Fachleute zu dieser Thematik und Begründer dieser speziellen GAU-Frage.

Sich ein solches Szenario in der eigenen Einrichtung vorzustellen macht Angst. „Sowas würde bei uns nie passieren“, ist auch damals mein erster Gedanke gewesen, als ich begann, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Schnell aber wich dieser Gedanke der Erkenntnis, dass alle, denen es passiert ist, genau diesen Gedanken auch hatten. Es wird keine Möglichkeit geben, ein solches Horror-Szenario für das eigene Arbeitsumfeld völlig auszuschließen, aber es gibt präventiv Dinge, die man tun kann, um es möglichen Tätern so schwer wie möglich zu machen.

Jeder kann sich gut vorstellen, welche fatalen Auswirkungen ein solcher Fall in der eigenen Einrichtung hätte. Umso wichtiger ist es meines Erachtens, sich dieser Verantwortung zu stellen, das Thema nicht zu tabuisieren, sondern Signale zu setzen und präventive Handlungen für sich abzuleiten.

Patiententötung erkennen und dagegen handeln

Erkennen, um zu verhindern

Was würde ich in meiner Leitungsfunktion also tun, wenn ich mir diese Frage im Hinblick auf Patiententötungen in meiner Einrichtung stelle? Ich möchte in diesem Blog dieses sehr komplexe Thema etwas genauer beleuchten um darauf ein paar Antworten geben zu können.

Um eine möglichst hohe Prävention vor solchen Fällen umsetzen zu können, müssen wir uns aber zunächst mit der Frage befassen, welche typischen Persönlichkeitsmerkmale bei den bekannten Taten erkennbar waren. Dazu ist ein mittlerweile über 15 Jahre alter Fall bis heute für mich exemplarisch und steht für viele Parallelen, die sich bei den jeweiligen Tätern immer wieder finden.

Michaela G. geriet erst in den Blick, als man aufgrund von Hinweisen einer Mitarbeiterin begann, vermehrte Todesfälle auf der Station zu hinterfragen und sie wurde letztlich im Juni 2005 verhaftet. Ihr wurde vorgeworfen, zwischen 2003 und 2005 im Limbach-Stift in Wachtberg neun Heimbewohner getötet zu haben. Die damals 27-jährige Pflegeassistentin wurde vom Landgericht in Bonn im Januar 2006 zu lebenslanger Haft mit Anerkennung der besonderen Schwere der Schuld und einem lebenslangen Berufsverbot verurteilt. Dies bedeutet für den „Todesengel von Wachtberg“, wie sie in der Presse genannt wurde, keine Möglichkeit auf vorzeitige Haftentlassung.

Die Aussagen von Kollegen/innen und Vorgesetzten stellten Michaela G. nicht als eiskalten Todesengel dar, sie beschreiben sie sogar als eher fleißigen und hilfsbereiten Menschen, der sich „für ältere Menschen sehr eingesetzt“ habe und ältere Menschen sogar oft ins Krankenhaus begleitete oder dort besuchte. Die damalige Einrichtungsleitung lobte sie als „engagiert und zuverlässig“, sie habe sogar in ihrer Freizeit Tätigkeiten übernommen. Sie gab in ihrer Aussage später vor Gericht aber auch an, dass Michaela G. „kein Unrechtsbewusstsein hat“ und wie auch später vor Gericht festgestellt wurde, mehrfach Lügen erzählte, um Aufmerksamkeit zu bekommen. So z.B. über einen angeblichen Hirntumor an dem sie leide oder über Vergewaltigungen durch ihren Vater (Quelle: RP Online 24.01.2006 und Spiegel.de „Mord im Pflegegeheim 07.02.2016).

Im Prozess gegen Michaela G. wurde sie als „notorische Lügnerin“ entlarvt, wie der damalige Richter Udo Buhren meinte. Sie habe „seit der Schulzeit Zuneigung durch erfundene Geschichten etwa über ständige Vergewaltigungen durch ihren Vater und über einen Hirntumor zu erreichen versucht“ (Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung 22.06.2006).

Prof. Dr. Beine, Arzt, Autor und Fachmann für diverse Publikationen zur Thematik, meinte dazu gegenüber der Zeitschrift Der Spiegel: Täter wie Michaela G. arbeiten in einem Pflegeberuf auf der Suche nach Anerkennung und Dankbarkeit.

„Doch dann müssen sie erleben, dass es Patienten gibt, die nicht nur undankbar sind, sondern rumpöbeln und vielleicht sogar aggressiv werden. In dieser Situation fangen die Täter an, gegen das Leiden anzutöten – vor allem gegen das eigene.“
(Quelle: Spiegel.de „Mord im Pflegegeheim 07.02.2016):

Hier stellte sich bei Michaela G. schnell ein Täterprofil ein, dass mit den Erkenntnissen und Typisierungen anderer untersuchter Fälle übereinkommt und ein anderes Bild zeichnete, dass Bild einer Person, die unter starken Minderwertigkeitsgefühlen litt, stetig auf der Suche nach Anerkennung, ob durch Mitleid oder Lob, wenig empathisch und kaum in der Lage sich abzugrenzen und das sehr exemplarisch für viele Serientäter in der Pflege ist.

Hintergründe von Patiententötungen

Oft erscheint die Motivlage solcher Taten in Mitleid begründet und ein großer Anteil der Täter führt dies auch meist als Tatmotiv an. Bei näherer Betrachtung lassen sich solche Aussagen allerdings nicht stützen und auch diverse Studien zu solchen Täterprofilen kommen zu der Erkenntnis, dass Mitleid zwar als Argument oft von den Tätern angegeben wird, die tatsächlichen Fälle aber dagegensprechen. Die meisten Taten geschehen in der Regel sogar eher da wo positive emotionale Bindungen eigentlich nicht vorhanden sein können. In sehr vielen Fällen war die Situation des Patienten auch überhaupt nicht „aussichtslos“ oder mit besonderem „Leiden“ einhergehend. In vielen Fällen von Patiententötungen spricht auch die oft brutale Art und Weise der Tötung gegen dieses Argument.

Bei Michaela G. war dies ebenfalls zu beobachten, sie tötete beispielsweise eine Patientin die körperlich noch sehr vital und gesund war und die andere Mitarbeitende des Heimes als „lebensfroh“ beschrieben, mehrheitlich waren ihre Opfer aber Patienten die sich ihren Anordnungen widersetzten oder besonders viel Zuwendung erforderten.

Auch Psychische Erkrankungen oder Störungen erscheinen zunächst oft als Begründung nachvollziehbar. In fast allen Fällen von Patiententötungen wurden mehrere psychologische Gutachten erstellt, um das Persönlichkeitsbild genauer darzustellen und die Hintergründe für die Taten zu verstehen. Die Gutachten bescheinigen häufig schwer gestörte Persönlichkeitsstrukturen, ausgeprägte Helfersymptomatik, Minderwertigkeitsgefühle, Selbstüberschätzung, mangelhafte Empfindungsfähigkeit, mangelhaftes Selbstwertgefühl, Unfähigkeit zu zwischenmenschlichen Beziehungen, aber keine psychischen Erkrankungen im medizinischen Sinne.

Auch der Punkt der Überlastung kommt häufig in der Argumentation vor und tatsächlich kann man hier sagen, dass ein negatives Arbeitsumfeld, in dem ein schlechtes Betriebsklima herrscht, Ziele unklar sind und eine schlechte Kommunikation untereinander herrscht, durchaus dazu beitragen können, den Boden für Täter zu bereiten. Auch weil in solchen Strukturen die Wahrscheinlichkeit der Entdeckung geringer ist. Hinzu kommt, dass in vielen Einrichtungen immer noch wenig Augenmerk darauf gerichtet wird, wie stark die tägliche Arbeit ein Team und einzelne Mitglieder psychisch und emotional belastet. In diesem Zusammenhang erscheint eine Verbindung zum Burnout durchaus denkbar. In der Burnout Forschung ist seit langer Zeit bekannt, dass gerade Personen mit hohem Engagement gefährdeter für ein Burnout und damit verbundenen Handlungen und Verhaltensweisen sind, als andere Personenkreise.

Karl Beine, als Professor für Psychiatrie und Autor anerkannter Fachmann auf dem Gebiet, hat in seinen verschiedenen Untersuchungen von Fällen und Publikationen Tötungsserien überprüft und Täterprofile erarbeitet und weist ebenfalls immer wieder auf einen typischen Aspekt hin, nämlich das nahezu alle bekannten Täter schon länger vor Aufdeckung der Taten Spitznamen im Kollegenkreis hatten und in Bezug auf Patienten eine oft zynische, abwertende Sprache aufwiesen. Namen wie „Vollstrecker“, „Hexe“ oder andere auffällige Spitznamen, wie auch im noch immer aktuellen Fall Nils Högel, der im Kreise seiner Kollegen/Innen als „Rettungs-Rambo“ oder „Todes-Högel“ bekannt war.

Die verrohte und oft makabre Sprache und Dokumentation gegenüber Patienten und Kollegen/Innen ist ebenfalls in nahezu allen bekannten Fällen erwiesen.

Michaela G. sagte im Beisein einer Kollegin zu einer Patientin, die kurz darauf ihr Opfer wurde, „Seien Sie jetzt still oder ich schieße Sie zum Monde – ohne Rückfahrkarte.“ Oder im Fall des Täters Wolfgang Lange waren es oft sprachliche Auffälligkeiten in Zusammenhang mit Versorgungssituationen ,an die sich Mitarbeiter später erinnerten, der immer wieder in Bezug auch auf spätere Opfer Sätze sagte wie: „Den brauchste nicht mehr waschen, der ist schon fast in der Kiste.“ Dazu gehören auch Fälle, in denen Mitarbeitende ihren Leitungsfunktionen über solche Auffälligkeiten berichteten oder sogar konkrete Beobachtungen weitergaben, aber nicht ernst genommen wurden (Quelle: Karl H. Beine: Krankentötungen in Kliniken und Heimen: Aufdecken und Verhindern).

Andere Täter waren in solchen Fällen ebenfalls in Worten wie auch bei Dokumentationstätigkeiten in Pflegeberichten oder Übergabeprotokollen auffällig. Anhand der ebenfalls verurteilten Täterin Michaela Roeder wird anhand eines Eintrages ins Übergabebuch sehr eindeutig, was gemeint ist:

„Kreislauf mäßig bis saumäßig, Diurese mies bis ganz mies, führt nicht mehr flüssig ab, bitte öfter in Leichenhalle nachsehen, ob Patient noch ruhig liegt, war unruhig, Pat. wurde auf eigenen Wunsch um 22.18 Uhr dorthin verlegt. Ansonsten ruhigen Dienst, schönes Wochenende, wenig Maloche. Handzeichen Michaela Roeder.“
(Quelle: Christine Gibiec:„Tatort Krankenhaus. Der Fall Michaela Roeder“)

Abschließend betrachten wir uns noch die Tötungsarten. Im Fall der Michaela G. erstickte sie ihre Opfer meist mit Kissen, Handtüchern und Waschlappen. Auch das ist durchaus exemplarisch, stellt aber nicht die Hauptgruppe der Tötungsarten. Der Einsatz von Medikamenten wie starken Sedativa, Betäubungsmitteln, Muskelrelaxantien, Insulinen und anderen (für Pflegekräfte meist gut zugänglichen) Medikamenten stellt die größte Gruppe, vielleicht auch, weil sie den geringsten Verdacht erregen und äußerlich kaum Merkmale hinterlassen.

Prävention für Patiententötung

Möglichkeiten zur Prävention

Kommen wir nun zum wesentlichen Punkt, den Möglichkeiten einer Prävention die ich aus den bekannten Publikationen und meinen Erfahrungen abgeleitet habe. Vieles davon ist tatsächlich in unseren Einrichtungen schon vorhanden und wird durchgeführt, wie beispielsweise Pflegevisiten oder Zielgespräche mit Mitarbeitenden. Sie werden nur meist ausschließlich im Hinblick auf andere Ziele oder Vorgaben eingesetzt. Wir müssen also in vielen Fällen lediglich den Horizont, mit dem wir diese Maßnahmen durchführen, um die Möglichkeiten der Prävention im Hinblick auf Patiententötungen erweitern:

1. Warnsignale ernst nehmen

Prüfung der Rate an Sterbefällen: Die Rate der Sterbefälle (insbesondere auf einem Bereich) sollte man in Bezug auf eine auffällige Erhöhung regelmäßig in den Blick nehmen, je nach Größe und fachlicher Ausrichtung der Einrichtung monatlich, mindestens Quartalsweise aber immer dann sofort, wenn es Auffälligkeiten gibt. In diesem Fall ist der nächste Schritt der Abgleich mit den Dienstplänen und der Anwesenheit der dort eingesetzten Pflegekräfte. Viele EDV-Dokumentationsprogramme bieten dazu Filtermöglichkeiten an, mit denen man sich einen schnellen Überblick machen kann. Auch ohne eine solche EDV-Dokumentation gibt es aber meist in Einrichtungen Listen mit Zahlen, über die dort lebenden und verstorbenen Patienten die man nutzen kann.

Vergabe von auffälligen Spitznamen und abwertende Dokumentationstätigkeiten: Spitznamen mit einem Bezug zur Mortalität, zum Umgang mit Patienten oder/und eine auffällige Wortwahl in Dokumentationsberichten sollten immer ernst genommen werden und weitere Handlungen nach sich ziehen. Sie können ein Verdachtsmoment sein, in jedem Fall aber entsprechen Sie nicht einer notwendigen Professionalität. Im Alltag können solche Punkte aber im „Hintergrund“ geprüft werden, beispielsweise in direkten wie indirekten Pflegevisiten eingebaut werden. Pflegevisiten sind immer ein probates Mittel, um sich direkt vor Ort ein Bild über Mitarbeitende bei der Verrichtung einer Pflegetätigkeit zu machen. Außerdem ist das Bild des vorgesetzten der sich vor Ort regelmäßig einen Eindruck verschafft und mit Mitarbeitenden im Gespräch ist immer vorteilhaft. Die Visiten sollten sich dann nicht nur an bestimmten Prüfkriterien anderer Institutionen (MDK, WTG-Behörde usw.) orientieren, sondern vor allem auch die Form der Interaktion zwischen Pflegekraft und Patient, im Hinblick auf Zugewandheit bewerten. Auch die Reaktion eines Pflegebedürftigen auf die Pflegekraft kann ein Hinweis für ein gutes oder schlechtes Vertrauensverhältnis zwischen Pflegenden und Patienten sein. Die „Sprache“ der Pflegekräfte gegenüber dem Patienten, wie auch untereinander ist in Visiten, wie auch in zu begleitenden Dienstübergaben, ein Messinstrument das man mit einsetzen kann. Ist diese nicht grundsätzlich geprägt von Professionalität und Achtung gegenüber den betroffenen Personen ist dieses Kriterium auch generell für keine Einrichtung wünschenswert. Beziehen sich solche Feststellungen auf eine bestimmte Person, ist gesonderte Achtsamkeit geboten.

Prüfung der Medikamente: Die routinemäßige Prüfung des Betäubungsmittelbestandes/ Medikamentenbestandes eines Bereiches (z.B. monatlich) oder eines einzelnen Patienten kann separat stattfinden und auch durch den beliefernden Apotheker unterstützt werden oder auch in eine Visite gut eingebaut werden. Moderne EDV-Dokumentationssystem ermöglichen es heute, Das Medikamentenbestellwesen schnell zu überblicken. Insbesondere in Einrichtungen der Altenhilfe oder anderen Institutionen wo Medikamente bewohnerbezogen untergebracht sind, ist es auch sinnvoll eine Rückgabe oder Entsorgung von abgesetzten oder nicht mehr notwendigen Medikamenten geprüft zu organisieren. Nicht selten bleiben abgesetzte Medikamente ohne eine weitere Regelung zurück und werden durch Pflegekräfte entsorgt. Das ist nicht nur nicht fachgerecht, sondern bietet schlimmstenfalls einem möglichen Täter auch die Möglichkeit, rezeptpflichtige Medikamente „beiseite zu schaffen“.

Meldungen von Mitarbeitenden: Beobachtungen oder Verhaltensweisen die zu den hier besprochenen Punkten passen und die Mitarbeitende melden, nie auf sich beruhen lassen. Es ist elementar bei konkreten Hinweisen nicht erst lange abzuwarten, sondern möglichst sofort zu prüfen und ggf. weitere Schritte einzuleiten. Diese Erkenntnis kam auch laut der diversen Fachleute in der Vergangenheit häufig zu spät und führte dazu, dass ein möglicher Täter in dieser Zeit des „Abwartens“ weitere Taten beging.

2. Dialogkultur und Kommunikation

Fallbesprechungen, Zielgespräche, Fortbildungskonzepte: Die Kommunikation der einzelnen Ebenen ist eine wesentliche Voraussetzung für ein vertrauensvolles und offenes Umfeld. Sinn dieser Dialogkultur muss immer sein, den Bedarf des zu pflegenden Menschen grundsätzlich in den Mittelpunkt zu stellen. In einem Arbeitsumfeld, indem Werte und Ziele für die Einrichtung und den zu Pflegenden klar kommuniziert und vermittelt sind, fällt es einem Einzelgänger (eventuellen Tätern) immer schwer, seine eigene Ideologie zu leben. Er würde aus dem Rahmen der vorhandenen Kommunikationswege fallen und sich erkennbar machen. Es gibt viele Möglichkeiten, diese Kommunikation untereinander in allen Ebenen zu fördern wie beispielsweise Fallbesprechungen. Aufgrund klarer Handlungskonzepte und daraus resultierende Verpflichtungen diese zu erfüllen, entsteht die Verantwortung zur transparenten Kommunikation untereinander.

Zielgespräche können Mitarbeitende motivieren Fähigkeiten gezielt einzubringen und Wertschätzung dafür zu erfahren und bieten darüber hinaus einen geschützten Raum auch Probleme anzusprechen.

Fortbildungskonzepte und Angebote zur Gewaltprävention und Erkennung zu etablieren und kontinuierlich aufzufrischen, schafft eine Sensibilisierung möglichst vieler Mitarbeitenden für Thematiken wie Gewaltprävention und Kommunikation und macht es generell schwerer, solche eine Kultur zu unterwandern.

3. Supervisionen/Coaching/Anlaufstellen

Die sinnvolle Begleitung eines Pflegeteams durch eine professionelle Supervision oder ein Coaching kann wesentlich dazu beitragen, die Kommunikationskultur zu öffnen. Die Möglichkeit, regelmäßig Angebote zu haben, um über Probleme und Belastungssituationen zu reden, fördert und stärkt jede einzelne Pflegekraft auch in der eigenen Wahrnehmung ihres Handelns und Wirkens und ist eine essentielle Prophylaxe und Handlungsstrategie für viele schwierige Situationen. Auffällige Verhaltensmuster werden hier ebenso schneller erkannt und besprochen und können so frühzeitig abgefedert werden. Auch die Etablierung einer neutralen Anlaufstelle für Mitarbeitende bei Problemen kann unterstützend sein. Die belastenden Situationen, die jeweils auf Bereichen unterschiedlich ausgeprägt sein können in den Blick zu nehmen und anzugehen, ist eine wesentliche Prävention im Hinblick auch in einen Zusammenhang zum Burn-Out. Eine regelmäßige psychologische Beratung für Mitarbeitende (und auch Pateinten) im Alltag ist ebenfalls sehr wünschenswert, in Deutschland aber leider noch sehr selten. Ich habe mit der Anstellung einer Psychologin, die die Einrichtung aktuell dreimal in der Woche betreut eine Anlaufstelle, die in vielerlei Hinsicht sehr hilfreich ist, aber eben auch in diesem speziellen Fall der Gewaltprävention eine Anlaufstelle darstellt die frühzeitig agiert.

4. Ein offener Pflegeprozess

Dokumentationsysteme, Schautafeln und Transparenz: In einer offenen, kommunizierten und durch viele Dinge wie Dokumentationssysteme, Schautafeln usw. visualisierten Darstellung des Pflegeprozesses, werden Abläufe transparenter und somit das Risiko für unentdeckte Einzelhandlungen, die von der gemeinsamen Zielsetzung abweichen, geringer. Mitarbeitende in der Pflege müssen grundsätzlich in der Lage sein, pflegewissenschaftlich basiert zu arbeiten und mit verschiedenen Handlungskonzepten ausgestattet sein. Ein offener Pflegeprozess beinhaltet dann auch immer die nicht wertende Hilfestellung, Anleitung und Begleitung durch Kollegen oder Vorgesetzte und die Transparenz des Handelns. Hieraus resultiert ebenfalls ein Klima des Vertrauens und des sich Anvertrauens.

5. Die Auswahl der Mitarbeitenden

Bereits im Einstellungsgespräch können im Rahmen eines Ablaufstandards bestimmte Fragestellungen geklärt werden. In einem Einstellungsgespräch sollte daher immer soweit möglich auch geprüft werden, ob der Bewerber in der Lage ist, Konfliktsituationen anzusprechen und auch seine Gefühlssituation dabei zu beschreiben. Darüber hinaus ist es sinnvoll zu erfragen, welche Wertevorstellungen im Hinblick auf die Patientenversorgung ein Bewerber äußern kann. Eine im Vorstellungsgespräch schon erkennbare ausgeprägte Helfersymptomatik (Beispiel: „Ich tue immer alles für MEINE Patienten“) oder auch Selbstüberschätzung (Beispiel: „Ich scheu mich nie vor Überstunden/Einzuspringen, ich bin überall einsetzbar/immer gut erreichbar, ich verstehe mich mit jedem/kenne keine Konflikte…“) und nicht selten auch ein Vita, die geprägt ist von häufigen nicht klar erklärbaren Arbeitgeberwechseln, sollte zumindest hellhörig machen. Natürlich ist es bei der aktuellen oft schweren personellen Situation der Pflegebranche nicht immer leicht wählerisch zu sein, sie sollten es aber sein!

Es gilt Fingerspitzengefühl einzusetzen!

Nicht jeder der einen Spitznamen bekommt oder mal vergisst die Vergabe eines BTM korrekt auszutragen ist deshalb ein potentieller Täter! Vertrauen ist eine der Grundlagen für gute Zusammenarbeit und Versorgung, dieses Vertrauen soll nicht erschüttert, sondern gestärkt werden. Maßnahmen der Prävention dürfen routinemäßig und vorwiegend ergänzend in vorhanden Strukturen (siehe Visiten oder BTM-Kontrollen) eingebaut werden ohne sie zu verheimlichen. Auch meine Erfahrung ist, dass Pflegekräfte solche Dinge eher als Qualitätsmerkmal ihres Arbeitgebers werten, wenn sie transparent und unaufgeregt informiert über Sinn und Zweck sind. Wenn dann noch ein Klima vorhanden ist (oder geschaffen wird) in dem auch professionell auf die Notwendigkeit solcher Präventivmaßnahmen gesehen wird, haben wir für ein Tabuthema eine Kultur des professionellen Hinschauens geschaffen.

 

Literaturverzeichnis

  • Armborst, Matthias (2006): Gegen das Leiden Antöten. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,399490,00.html
  • Beine, Karl-Heinz (1998): Sehen-Hören-Schweigen. Patiententötung und aktive Sterbehilfe, Stuttgart
  • Beine, Karl-Heinz (2011): Krankentötungen in Kliniken und Heimen: Aufdecken und Verhindern
  • Gibiec, Christine (1990): Tatort Krankenhaus. Der Fall Michaela Roeder, Bonn
  • Harbort, Stefan (2004): Das Hannibal Syndrom. Phänomen Serienmord, Leipzig
  • Meisch, Herbert (1997): Patiententötung. Dem Sterben nachgeholfen, München
  • RP Online 24.01.2006 „Todesengel von Wachtberg“ engagiert und hilfsbereit
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung 22.06.2006 Altenpflegerin zu lebenslanger Haft verurteilt
  • de „Mord im Pflegegeheim 07.02.2016.