Hat die Corona Pandemie auch positive Effekte in der Pflege?

Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Herzlich willkommen liebe Blog-Gemeinde zum heutigen Thema. Corona-Pandemie, Pflege und Goethe, passt das zusammen? Durchaus!

Das von Goethe beschriebene „Wissen“ interpretiere ich für mich in dieser Pandemie so, dass dieses Wissen neuen Erkenntnissen und einer stetigen Evaluation unterliegt, ebenso wie das „Anwenden“ der immer wieder neuen Regelungen und Vorgaben und der sich daraus entwickelnden Veränderungen. Vorgaben und Regeln in der Pflege sind uns zwar nicht neu, geschehen in der Pandemie aber auch gerne mal mehrmals pro Woche und sind auch eine besondere Herausforderung für alle Beteiligten.

Das „Wollen“ ist in diesem Fall für mich ein Wunsch nach Erneuerung, das bedeutet auch, raus aus der Krisensituation, raus aus einem Gefühl von vielleicht auch Machtlosigkeit, hin zum „Tun“. Das Ruder in die Hand nehmen. Um das Ruder in die Hand zu nehmen, benötigen wir oft einen positiven Ausblick auf das was uns erwarten könnte.

Die Lage ist kompliziert

Ich habe in meiner Funktion als Pflegedienstleitung mit der Corona-Pandemie bisher Herausforderungen erlebt, mit denen man sicher mehrere Seiten füllen könnte. Das beginnt mit der Materialbeschaffung und endet bei dem Gedanken der Verantwortung, die ich und wir alle gerade in besonderem Maße gegenüber den uns anvertrauten KlientenInnen in der Pflege haben.

Das wird vielen von euch in der Pflege so gehen und dank einer medial nie da gewesenen Präsenz, werden auf einmal Themen wie die Löhne in der Pflege, Arbeitsbedingungen und Arbeitsbelastungen, Einsparungen in Gesundheitssystemen oder der Pflegenotstand ganz generell auch nochmal anders thematisiert, sogar fast weltweit – in der Politik und auch in der Öffentlichkeit.

Die Pflege arbeitet seit Jahren unter schweren Bedingungen. Eigentlich muss man das niemandem mehr erzählen denke ich manchmal, muss man aber doch und gerade jetzt in der Corona-Pandemie.

Wir haben seit Jahren einen sehr konkreten Personalmangel in der Pflege, eine oft schlechte Materialausstattung, niedrige Löhne ohne Tarifbindung (nur rund ein Viertel aller Pflegekräfte arbeitet in einem Tarifvertrag), eine völlig überhöhte Bürokratie und Dokumentation, ständige Prüfungen unserer Tätigkeit diverser Institutionen, nicht selten verbunden mit einem grundsätzlichen Misstrauen gegen die Branche. Dazu kommt eine oft physisch wie psychisch belastende Arbeitssituationen. Man kann diese Auflistung sicher noch um viele weitere Punkte ergänzen.

Wir dürfen dabei aber auch nicht vergessen, dass die Pflege viele eigene und hausgemachte Probleme hat, nicht alles liegt an politischen Entscheidungen. Es gibt leider genügend Arbeitgeber auf dem Markt, die die Selbstlosigkeit vieler Pflegekräfte gerne auch nutzen, um Kosten zu sparen. Auf dem Rücken eben genau dieser Pflegekräfte. Auch gibt es Bereiche in der Pflege, die nicht nur aufgrund einer zu geringen Personalausstattung Probleme haben. Einige leiden auch unter hausgemachten Schwierigkeiten aufgrund fehlender oder unzureichender Strukturen, wenig kompetenten Leitungsfunktionen und Mitarbeitenden.

Das alles darf keinesfalls abgetan werden. Der Begriff des Pflegenotstandes ist in der Pandemie noch mal mit einer neuen Bedeutung versorgt worden. Das Bewusstsein der Öffentlichkeit ist aktuell geschärft, dass ein Gesundheitssystem ohne ausreichende Personal- und Materialressourcen uns allen zum Verhängnis werden kann. Also gibt es Gründe genug, kritisch oder gar mit mulmigem Gefühl auf das zu blicken, was uns vielleicht als Resultat aus dieser Pandemie noch so erwarten wird.

Ist Land in Sicht?

Um das Ruder in die Hand zu nehmen, benötigt man oft einen positiven Ausblick habe ich weiter oben geschrieben, besonders in dieser Krise.

Können wir denn Positives in den aktuellen oft schwierigen Arbeitssituationen sehen und finden?

Wenn man seinen Blick darauf richtet, dann antworte ich mit einem klaren JA!

Für mich bringt jede Krisensituation immer auch positive Effekte mit sich, manchmal sind diese aber erst später erkennbar. Diese zu suchen und zu finden, wo kann man das besser tun, wenn nicht mal zunächst bei sich selbst. In unseren vielen Jobs und Tätigkeiten die wir in der Pflege haben, in unserem Arbeitsalltag, wie und wo er auch immer mit diesem Gesundheitsberuf zu tun hat können wir diese positiven Effekte sehen.

Letztlich ist das eine Form der Wertearbeit, wenn man mit Neugier und vielleicht sogar Spaß beginnt zu hinterfragen, wo denn die positiven Aspekte für uns liegen könnten.

Die Wohnbereichsleitungen waren bei mir ein wesentlicher Aspekt. In Form eines Workshops haben wir zunächst zusammen alles gesammelt, was uns zum Thema „Positives Effekte für unsere Arbeit in der Corona-Pandemie“ einfiel und was insbesondere auch die Wohnbereichsleitungen vor Ort bei den Mitarbeitenden an Wahrnehmung und Veränderung erleben.

Daraus wurden dann die Dinge, die allen relevant erschienen herausgenommen. Es folgte eine kurze Prüfung auf ein mögliches Ergebnis und einen Ausblick, der sich daraus ergibt und wie wir ihn nutzen könnten.

Ziel war es zu schauen, ob es vielleicht auch strukturelle Effekte gibt, die man weiter ausbauen kann, vielleicht sogar dauerhaft etabliert. Sicher gibt es da Dinge die man weiter entwickeln kann, aber auch sehr konkrete Ergebnisse die nicht mal einen besonderen Aufwand erfordern, sondern die relativ einfach implementiert werden können und die Struktur positiv verändern. Im Folgenden zwei konkrete Beispiele:

Land in Sicht in der Pflegebranche

1. Pflege und Sozialtherapeutischer-Dienst

Ausgangssituation: Gemeinschaftsaktivitäten und das Betreuung/Beschäftigungsangebot des Sozialtherapeutischen-Dienstes musste massiv verändert und teilweise eingestellt (z.B. Gemeinschaftsaktivitäten) werden.  Der Sozialtherapeutischer-Dienst und die AlltagsbegleiterInnen waren bis dahin ein eigenständiges Team mit eigenem Dienstplan und eigenen Strukturen, die neben den pflegerischen Strukturen bestanden und lediglich Schnittstellen hatten.  Im Rahmen der Corona-Pandemie wurden die Mitarbeitenden des Sozialtherapeutischen-Dienstes den einzelnen Wohnbereichen fest zugeordnet und auf deren Dienstpläne „verliehen“, weil Beschäftigungs- und Betreuungsangebote nun aufgrund der Umstände zunächst nur noch in den Wohnbereichen und Zimmern stattfanden.

Ergebnis und Ausblick:

Die einhellige Meinung der MitarbeiterInnen dieser beiden Arbeitsbereiche ist nun, dass sie im Laufe der letzten Monate ein wesentlich höheres Verständnis für die jeweilige Arbeit und die Aufgaben des jeweils anderen Arbeitsbereiches entwickeln konnten. Die MitarbeiterInnen des Sozialtherapeutischen-Dienstes fühlen sich dem Team der Pflegekräfte des jeweiligen Bereiches jetzt deutlich zugehöriger. Unterschiedliche Strukturen wurden im besten Sinne – nämlich dem einer adäquaten und professionellen Bewohnerversorgung- zu einer neuen Struktur. Es kamen mehr individuelle Bedürfnisse der einzelnen Bewohner, was Beschäftigung und Betreuung angeht, zur Geltung. Die MitarbeiterInnen der beiden Arbeitsbereiche agieren und kommunizieren nun enger vernetzt miteinander.

Das bedeutet, diese neu entstandene Struktur werden wir auch nach der Pandemie behalten und ausbauen. Es wird künftig einen gemeinsamen Dienstplan geben, gemeinsame Übergaben und gemeinsame Planungsstrukturen. Die individuelle Angebotsplanung ist deutlich besser auch auf die individuellen Möglichkeiten und Bedürfnisse der BewohnerInnen des jeweiligen Bereiches abgestimmt. Natürlich wird es auch irgendwann wieder übergreifende Angebote und Gemeinschaftsangebote geben, ich bin mir aber sicher auch die werden künftig verstärkter in kleineren Gruppen stattfinden und individueller auf diese abgestimmt sein.

2. Nutzung der EDV

Ausgangssituation: Meine Einrichtung hat im letzten Jahr im Rahmen der Digitalisierung eine EDV-gestützte Fortbildung eingeführt (JOLECO). Die Akzeptanz bei den Mitarbeitenden war generell sehr gut.

Die Möglichkeit, von zu Hause aus Fortbildungen wie die Infektionsschutzbelehrung z.B. am Handy, PC oder Tablett absolvieren zu können, war schnell akzeptiert und positiv bewertet. Trotzdem gab es auch einige MitarbeiterInnen, die sehr typische Berührungsängste hatten und skeptisch und zögerlich in der Anwendung waren. Diese Problematiken vor allem durch Übungen, Motivation und Überzeugungsarbeit zu lösen war ursprünglich ein etwa Zweijahresplan.

Ergebnis und Ausblick:

Durch die Corona-Pandemie wurden schnell weitere und ganz neue Fortbildungen notwendig, etwa zum Thema Schutzkleidung oder Verhalten im Umgang mit positiv getesteten Mitarbeitenden und Bewohnern. Durch die EDV-gestützte Fortbildung war dies sehr schnell umsetzbar, ohne das MitarbeiterInnen in Gruppen zusammenkommen mussten.

Das hat dazu geführt, dass es praktisch auch für die Gruppe der „Unentschlossenen“ einen kleinen Zwang gab, diese Methodik zu nutzen. Es ging schließlich ja gar nicht anders. Alternativen dazu, wie das nicht selten praktizierte „Ausdrucken, Durchlesen, Unterschreiben“ habe ich erst gar nicht angeboten.

Daraus resultierte durchgängig die Erkenntnis: „Ist ja gar nicht schwer, spart sogar viel Zeit, ist verständlich.“  Die Akzeptanz der Mitarbeitenden für E-Learning generell ist enorm gestiegen, es werden sogar ohne dass dies konkret geplant ist von Mitarbeitenden Fortbildungsangebote praktisch in „Vorarbeit“ abgerufen und erledigt. Eine sehr große Ersparnis an Zeit und Kosten.

Zwei Beispiele, die zugegeben beide auch ohne Corona-Pandemie möglich gewesen wären, aber – da bin ich mir sehr sicher – entweder erst deutlich später oder vielleicht sogar nie in den Fokus gerückt wären und nun eine positive Veränderung bewirken.

Positive Effekte im Bereich der Digitalisierung

Es gibt noch weitere positive Effekte, die ich jetzt mal nur kurz benennen will, beispielsweise nochmal im Bereich der Digitalisierung.

Auch bei mir war es üblich, das verschiedene MitarbeiterInnen in verschiedensten Funktionen, teils sogar aus verschiedenen Einrichtungen, regelmäßig zu Meetings zusammengekommen sind. Fachgruppen, Qualitätszirkeln, Steuerungsgruppen usw.   haben Räumlichkeiten erfordert, ggf. Bewirtung, Fahrtkosten verursacht. Nun stellt sich klar heraus, vieles davon ist auch digital über Video-Konferenzen, Online-Boards usw. möglich. Wohnbereichsleitungen ein regelmäßiges Home-Office zu ermöglichen, war vor der Krise ein langer Kampf, nun sieht man das auch diese Arbeitsweise in der Pflege für einige Funktionen sehr gute Ergebnisse liefert.

Ich stelle durchaus fest, das sogar deutlich weniger Informationen verloren gehen. Natürlich kann das nicht jedes persönliche Treffen dauerhaft ersetzen. Ich bin aber überzeugt davon, dass dieser Weg da wo er jetzt gelebt wird, nicht mehr rückgängig zu machen ist und auch das wird die Digitalisierung in der Pflege allgemein befeuern.

Einen positiven Effekt erlebe ich auch in einem Segment, dass ich zwar sowieso für extrem wichtig erachte, sich aber in der Pandemie-Situation noch mal als besonders herausgestellt hat – die Wertschätzung der Mitarbeitenden.  Wir haben wie sicher viele andere Einrichtungen auch unsere Mitarbeitenden seit Beginn der Pandemie sehr vielfältig unterstützt, sei es bei Vereinbarung von Arbeit und Kinderversorgung, die vielfach durch den Lock-Down für einige zum Problem wurde, über das Verschenken von Mundschutz-Masken für den privaten Gebrauch bis hin zu Freistellungen unter Lohnzahlung, wenn private Situationen aufgrund der Pandemie gelöst werden mussten.

Auch einfach durch die häufigere Präsenz von Leitungskräften in den Bereichen, die Mitarbeitende schlicht in dieser besonderen Situationen Fragen:

„Wie geht es dir, brauchst du was?“

setzt man (vielleicht neue?) Signale.

Das Ergebnis bei mir ist bisher, das die MitarbeiterInnen uns als Arbeitgeber auch in der Öffentlichkeit wie z.B. in Diskussionen auf diversen Plattformen zum Umgang von Arbeitgebern mit Arbeitnehmern in der Pflege, speziell in der Corona-Krise als sehr positiv darstellen. Eine unbezahlbare Werbung!

Nicht zuletzt ist also auch bei mir in der Einrichtung eine Diskussion entstanden die, ohne die vielen negativen Effekte der Pandemie zu leugnen oder zu verharmlosen, eben auch die positiven Effekte berücksichtigt und ihnen eine Plattform gibt.

Jeder von uns wird auch für sich ganz privat Dinge erkennen, die sich positiv entwickeln. Bei mir persönlich sind das zunächst augenscheinliche Kleinigkeiten. Ich bin schon lange ein Freund von bargeldlosem Bezahlen, aktuell geht das auch bei kleinen Beträgen problemlos, das finde ich super.

Die Pandemie hat in mir aber auch die Erkenntnis gestärkt, das gute Freundschaften auch kontaktlose Zeiten überdauern und die Unterhaltung über eine Video-App spaßiger ist als nur per Nachricht versenden. So wird jeder, wenn er auf sich schaut bestimmt auch etwas entdecken, man muss es aber auch sehen und sehen wollen.

Das Wort „Krise“ (im lateinischen “Crisis“) bedeutet auch „Entscheidung“, im Chinesischen sogar „Chance“. Nutzen wir also diese aktuelle Krise und lernen daraus für die, die noch folgen. Schauen wir privat wie in unserem Arbeitsumfeld die Effekte an und bewerten sie mit Blick auf die Zukunft. Ich habe mit diesem Blog ein paar meiner positiven Ausblicke geschildert, damit bin ich nicht alleine, viele haben diese Erfahrungen bereits gemacht. Wer es noch nicht tut, darf damit beginnen, ihr werdet gute Dinge in der Krise finden die es lohnt voranzubringen.

Womit ich wieder bei Goethe bin:

„Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun.“

 „Tun“ wir also was, jeder/jede von uns, egal wo wir arbeiten, in welcher Position oder Funktion. Nutzen wir die vorhandenen und sich neu entwickelnden Möglichkeiten und Chancen die sich gerade bieten für weitere Verbesserungen.

Nehmen wir das Ruder in die Hand!

Ruder in die Hand nehmen