Wir alle tragen Mirkroorganismen auf und in unserem Körper. Wir brauchen sie sogar für viele wichtige Funktionen unseres Körpers. Keime wie Bakterien und Viren können aber ebenso gefährlich und sogar lebensbedrohlich für uns werden. Wie bedrohlich sie werden können, hängt stark von der Art des Keimes, der Immunabwehr und der Umgebung in der ich mich befinde ab.

Pflegekräfte lernen in ihrer Ausbildung und im Arbeitsalltag vieles zum Thema Hygiene. Die Hygiene zieht sich durch den gesammten Arbeitsalltag. Hände und Flächen waschen und desinfizieren, Desinfektionslösungen in der richtigen Konzentration ansetzen und einsetzen, sterile Verbände wechseln usw.
Trotzdem ist die Übertragung solcher Keime auf Klienten und auch Personal in Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und der ambulanten Versorgung zu einem hohen Prozentsatz vorhanden.

Hygiene in der Pflege

Vielleicht ist ein grundlegendes Problem der Hygiene auch, dass wir Keime mit bloßem Auge eben nicht sehen und damit die „Gefahr“ nicht wirklich wahrnehmen können? „Hygienischen Denken“ stellt eine Erweiterung zu bekannten Hygieneregeln und Maßnahmen dar. Es fördert die Wahrnehmung für Risiken im Alltag und schärft bzw. stärkt das Bewusstsein für die Verantwortlichkeit des hygienischen Arbeitens.

Es gibt überall bei den verschiedenen Pflegeanbietern den Hygienebeauftragten, Hygieneregeln, Hygieneschulungen und Hygienehandbücher mit Handlungsanweisungen und trotzdem schleichen sich immer wieder Dinge in den Arbeitsalltag ein, die letztlich denen Schaden, denen wir eigentlich doch helfen wollen. „Hygienisches Denken“ in der Pflege besser zu etablieren ist ein wesentlicher Ansatz zur Verbesserung.

„Hygienisches Denken“ geschieht nicht losgelöst von Hygieneregeln, wie sie alle Pflegekräfte lernen und vor allem umsetzen müssen. Das regelmäßige Waschen der Hände, die Händedesinfektion und andere hygienische Standards die von Hygienikern und anderen Fachleuten aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse aufgestellt und immer wieder evaluiert werden, sind elementar.
„Hygienisches Denken“ bedeutet darüber hinaus, sich in Arbeitssituationen bewusst zu machen, wo die Fallen und Stolpersteine liegen und diese im Idealfall zu umgehen.

Ich sehe hier vier wesentliche Aspekte des hygienischen Denkens die man ins Auge nehmen kann:

  1. Die Umsetzung eines hygienischen Denkens bei mir selbst
  2. Die Umsetzung der persönlichen Hygiene am Klienten
  3. Die Hygiene im direkten Umfeld des Klienten
  4. Die hygienischen Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz

Um diese Punkte etwas greifbarer zu machen hier ein paar Beispiele:

Die Umsetzung eines hygienischen Denkens bei mir selbst

Sich selbst zu diesem Thema in den Blick zu nehmen bedeutet nicht allein zu prüfen, ob ich mich an bestimmte Hygieneregeln, wie z.B. die Händedesinfektion korrekt halte. Es bedeutet darüber hinaus die „kleineren“ aber ebenso relevanten Dinge in den Fokus zu nehmen. Ein Beispiel:

Wenn ich eine Zigarettenpause mache, riecht mein Atem, meine Hände, meine Kleidung nach Nikotin. Das kann sehr unangenehm und unhygienisch auf Klienten, Kollegen/innen, Angehörige usw. wirken. Ideal wäre schlicht der Verzicht auf die Zigarette während meines Dienstes. Natürlich gäbe es aber auch noch Lösungen die einfacher umzusetzen sind. Ich könnte z.B. für mich festlegen, dass ich grundsätzlich draussen rauche und nicht im Raucherraum. Ich könnte für mich festlegen, dass ich grundsätzlich nach dem Rauchen das Bad aufsuche, mir gründlich die Hände wasche und für meinen Atem ein einfaches Mundspray, wie es in jedem Drogereimarkt verkauft wird, bei mir führe.

Die Umsetzung der persönlichen Hygiene am Klienten

Die grundpflegerische Versorgung ist und bleibt eine wesentliche Aufgabe in der Pflege. Für viele Pflegekräfte ist es dabei selbstverständlich, bei der Umsetzung nicht nur auf eine gute Körperpflege im Sinne von Waschen und Duschen zu achten.

Als Beispiel sei hier mal die Mund- und Zahnhygiene genannt. Sie ist oft eine Herausforderung. Nicht jeder Klient toleriert ein einfaches Zähneputzen, dementiell veränderten Klienten den Mund spülen zu lassen, die Zahnprothese zu reinigen usw. kann sehr schwierig sein und verlangt Einfühlungsvermögen. Trotzdem ist die Mundhygiene ein elementarer Punkt des Wohlbefindens und der Gesundheit. Findet sie ungenügend statt, resultieren daraus zwangsläufig weitere Probleme.
Manchmal sind es die „Kleinigkeiten“, die sich auch auf die persönliche Hygiene am Klienten, deutlich auswirken. Beispielhaft sei hier mal das Kürzen von Haaren in Nase und Ohren genannt oder eine saubere Rasur.

Die Hygiene im direkten Umfeld des Klienten

In unserem eigenen Haus, unserer Wohnung mit seinen Räumen essen wir, schlafen wir, gehen wir zur Toilette, lesen, sehen TV, führen Gespräche, Empfangen unsere Freunde zu Besuch. Wir habe es selber in der Hand wann und wie wir aufräumen, das Bad putzen oder den Teppich saugen.
Für viele Pflegebedürftige spielt sich vieles davon nur in einem Zimmer ab. Sie haben oft keinen Einfluss mehr darauf, was wie benutzt oder gereinigt wird. Natürlich kommt in der stationären Einrichtung die Reinigungskraft meist einmal täglich und wischt den Boden, das Bad aber vieles obliegt den Pflegekräften und Mitarbeitenden vor Ort.

Einen Blick für diese Situation zu haben, kann z.B. bedeuten, dass ich mich noch einmal grundlich umsehe, bevor ich nach einer Versorgung den Klienten verlasse.
Steht da noch die Klopapierrolle auf dem Nachtschrank, die ich vorhin benutzt habe? Kleben da noch Marmeladenreste an der Schublade? Hab ich ein sauberes Glas bereit gestellt und liegen die Lagerungskissen, die ich grad nicht brauche, nicht mehr auf dem Stuhl auf dem eigentlich der Besuch Platz nehmen soll?
Hygienisches Denken beschäftigt sich mit diesen Fragen und etabliert sie in den Pflegeablauf.

Hygiene im Patientenumfeld

Die hygienischen Arbeitsbedingungen am Arbeitsplatz

Herr Müller in Zimmer 304 hat Durchfall und Erbrechen, das Bett muss frisch bezogen werden. Die abgezogenen beschmutzten Laken werden gesammelt und auf einem Haufen direkt neben dem Bett auf dem Boden abgelegt. Nach dem das Bett frisch bezogen wurde, trägt die Pflegekraft ein „Knäuel“ aus kontaminierter Bettwäsche vor sich her, über den halben Wohnbereich, vorbei an Kolleg/innen, Klienten, Materialien, Speisewagen bis hin zum Wäscheabwurf-Wagen.

Diese geschilderte Situation wird jeder versierten Pflegekraft die Haare aufstellen. Millionen von Krankheitserregern wurden gerade verteilt, Hygienregeln ausser Acht gelassen und doch…jeder hat diese Situation schon erlebt.

Natürlich wurde in diesem Beispiel nicht korrekt und vor allem nicht hygienisch gehandelt. Es ist aber auch zu einfach gegriffen, hier nur zu sagen, die Pflegekraft hat es falsch gemacht.

Nicht selten verhindern die Ausstattung und die Gegebenheiten vor Ort ein korrektes Arbeiten. Man kann oft nicht mehrere Abwurfwagen für Schmutzwäsche bereitstellen, Wohnbereiche haben meist um die 30 Klienten die versorgt werden, viele davon zur gleichen Zeit, wohin dann mit den Wagen, wenn sie nicht gebraucht werden, Lagerräume sind knapp usw. Es gilt also, die Bedingungen vor Ort mit den Problemen in einen Einklang zu bringen, um eine hygienische Arbeitsweise zu ermöglichen.

Im Sinne eines hygienischen Denkens ist die Schulung und der Dialog sowie die Lösungsorientierung mit den Pflegekräften vor Ort erstrebenswert.
Pflegekräfte stehen am Bett, arbeiten auf den Bereichen, am Klienten und haben allein schon deshalb oft sehr einfache pragmatische Lösungsideen, um solche Situationen zu vermeiden. In unserem Beispiel hier könnte eine einfache Lösung sein, den Pflegekräften verschliessbare und tragbare Wäschesäcke zur Verfügung zu stellen, die man mit ins Zimmer nehmen kann. Neben der besseren Hygiene bietet die Ausrichtung auf solche Themen letztlich sogar die Möglichkeit, Arbeitsabläufe zu optimieren und effizienter zu gestalten.

Hygienisches Denken ist eine Anforderung und Herausforderung für alle an der Pflege beteiligten. Sie kann funktionieren, wenn wir Situationen analysieren, bestimmte Handlungen und Denkweisen darauf abstimmen. Wenn wir keine Schuldigen suchen und stattdessen miteinander ins Gespräch gehen, können sich praktikable Umsetzungen etablieren.