Wenn ich erzähle, dass ich eine Zusatzqualifikation in Psychomotorik habe, blicke ich oft in fragende Gesichter. Zwar sind die beiden Worte „Psyche“ (= Seele) und „Motorik“ (=Bewegung) bekannt, doch im Zusammenhang selten gehört. Meistens wird es mit Gymnastik gleichgesetzt, aber die Psychomotorik beinhaltet sehr viel mehr. Ja, es geht auch und vor allem um die Bewegung, aber im Unterschied zur Gymnastik, die meistens funktional ausgelegt ist, also die Verbesserung eines körperlichen Zustandes zum Ziel hat, geht es hier nicht um eine körperliche Veränderung, sondern darum die Seele zu bewegen. Warum das im Alten- und Pflegeheim so wichtig ist und wie das gelingen kann, darum soll es im Folgenden gehen.

Die Institution Pflegeheim

Der Umzug in ein Pflegeheim wird als kritisches Lebensereignis bewertet. Jahrzehntelang gewohnte Selbstständigkeit, das alte Zuhause und die gewohnte Umgebung werden verlassen, meistens aufgrund mehrerer Einschränkungen. Plötzlich wird der Tagesablauf von außen strukturiert und es gibt kaum noch Mitbestimmungsmöglichkeiten. Folglich ändert sich auch die Selbstwahrnehmung „Sich schwach, abhängig und schutzbedürftig zu empfinden, wird unwiderruflich und selbstverständlich – aber die Diskrepanz zu dem, wie man früher war, bleibt irgendwo tief verborgen spürbar. Was bleibt: der Rückzug in sich selbst.“1)Eisenburger (2012): S. 12 Der Tagesablauf ist fest geplant und es kann zu einer Konfliktbeziehung zwischen Wohn- und Lebensgemeinschaft und formaler Organisation kommen. Zum Beispiel regelt der Dienstplan auf den ersten Blick nur die Arbeitszeiten der Mitarbeiter*innen, aber auf den zweiten Blick regelt er auch minutiös den Alltag der Bewohner*innen. Die Abnahme von Selbstständigkeit führt im Pflegeheim zu einer Zunahme von Berührung von außen, die oft im technischen Sinn ausgeführt wird: Waschen, Mobilisieren, Essen anreichen. Die Folge ist eine zunehmende Bewegungslosigkeit von Körper und Geist.

„Diese Bewegungslosigkeit drückt sich nicht allein in motorischen Einschränkungen aus wie dem gehemmten Gang, den kleinen Schritten, den steifen Armen, sondern auch in der Starrheit der Körper, den eingefrorenen Gesichtszügen, den hängenden Schultern. Wir wissen um due Zusammenhänge zwischen Seele und Körper, zwischen psychischen Konflikten und Körpersymptomen, (…). Hände, die schlaff und leblos werden, weil es nichts mehr zu tun gibt, Blicke, die gesenkt bleiben, weil sich nichts Interessantes mehr zeigt, Beine, die sitzen bleiben, weil es sich nicht mehr lohnt, ‚in die Welt zu gehen ‘“ 2)Ebd.: S. 15

Die Psychomotorik hilft dabei diese Bewegungslosigkeit aufzuheben, aber nicht mit Zwang und funktionellen Bewegungen, die den Menschen ihre Eingeschränktheit erneut bewusst macht. Sondern zweckfrei, ungezwungen und durch unterschiedliche sinnliche Erfahrungen.

Die Praxis

Die Psychomotorik geht immer von Ressourcen statt von Defiziten aus. Es wird also nicht danach geschaut, was nicht mehr geht, sondern wahrgenommen was Menschen können. Und das ist in der Regel in einem Pflegeheim sehr unterschiedlich. Manche Bewohner*innen sind sehr in ihrer Mobilität eingeschränkt, andere demenziell verändert. Ein Programm bei dem alle gleichermaßen mitmachen wird es also nicht geben können und genau das soll es auch nicht. Das Wichtigste bei der Psychomotorik ist die Begegnung auf Augenhöhe und die Wertschätzung des Gegenübers. „Gute Begegnungen, die das Gefühl hinterlassen, wertgeschätzt, anerkannt, angenommen zu sein, sind von unschätzbarer Bedeutung.“3)Ebd. S. 26

Wie kann eine bewegte Stunde aussehen? Eine gute Voraussetzung ist ein großer Raum, in dem 10-12 Menschen im Stuhlkreis Platz haben. Aber natürlich ist die psychomotorische Arbeit auch mit kleineren Gruppen und in der Einzelbegegnung möglich, zum Beispiel bei bettlägerigen Menschen.

Psychomotorik beginnt bereits beim Abholen der Personen mit einer persönlichen und stärkenden Begrüßung. „Guten Tag Herr X / Frau Y, schön Sie zu sehen. Ich freue mich heute Zeit mit Ihnen zu verbringen. Haben Sie Ihren Kaffee schon ausgetrunken? Ja, wunderbar, darf ich Sie dann mitnehmen?“ Es ist wichtig, die Bewohner*innen in jede Entscheidung mit einzubeziehen. Wenn jemand mal nicht mit gehen möchte, dann ist das so. Auch die Auswahl des Platzes sollte den Teilnehmenden überlassen werden. Viele ältere Menschen haben zum Beispiel nicht gerne die Tür die im Rücken.

Unsere Stunde begann immer nochmal mit einer Begrüßung in die ganze Runde und einem Anfangsgegenstand. Dies kann alles sein: Eine Postkarte, ein Tannenzapfen, ein Kochlöffel uns viele andere Dinge. Das Herumgeben dieses Gegenstandes eröffnet die Stunde in einer lockeren Art und Weise, die Teilnehmenden können etwas dazu erzählen, dadurch erfährt man teilweise viel biographisches und es hat den Vorteil, dass es etwas zum anfassen gibt, das haptische Erlebnisse fördert. Der Hauptteil der Stunde kann dann ganz unterschiedlich gestaltet werden. Bälle, Reifen, Tücher, Luftballons und verschiedene Alltagsgegenstände wie Bierdeckel oder Korken sind beliebte Materialien, die in unterschiedlichster Weise zum Einsatz kommen können. Plötzlich werden wir Bewegungen in Armen und Beinen beobachten, wenn nach einem Ballon geschlagen oder ein Fußball getroffen wird.

Das Wichtigste dabei ist der Grundsatz ‚Alles kann, nichts muss‘! Wenn ein Ball zu Beginn herumgegeben wird und plötzlich mit den Füßen gekickt wird, dann ist das so. Es geht nie um die ‚richtige‘ Ausführung einer Bewegung, sondern um ein gemeinsames Erleben.

Manchmal werden Luftballons und co. aber auch misstrauisch beäugt. Denn als Erwachsene ‚spielen‘ wir eher selten damit. Auch hier gilt: Alle sollen sich wohlfühlen und keinesfalls als Kinder behandelt fühlen. Mein Grundsatz in meiner psychomotorischen Arbeit war immer: Ich biete nur das an, bei dem ich mich selber auch wohlfühle und wenn sich jemand nicht dabei wohl fühlt macht er oder sie Pause.

Die ausführliche Beschreibung von Bewegungsangeboten wäre hier zu viel. Ich empfehle das hier bereits zitierte Buch von Marianne Eisenburger „Zuerst muss die Seele bewegt werden…“ – Psychomotorik im Pflegeheim. Ein theoriegeleitetes Praxisbuch.

Die Stunde endete mit einer Geschichte, einem Gedicht oder einer Traumreise. Das wirkliche Ende aber die Verabschiedung beim Zurückbringen auf die Station oder ins Zimmer.
Psychomotorik ist nicht nur eine Methode, sondern vor allem eine Haltung:

Ressourcenorientiert und Wertschätzend. Diese Haltung wird viel Bewegung – innerlich und äußerlich – bei Bewohner*innen eines Pflegeheims auslösen. Das zeigt ein Gedicht, dass uns ein Bewohner zum Abschied geschenkt hat. Darin heißt es:

„(…) Mit Bällen, Reifen, Spielen und Netzen
rissen sie meine Krankheit in Fetzen. (…)“
Eine schönere Rückmeldung konnten wir uns kaum vorstellen.

 

Literatur:
Eisenburger, Marianne (2012): „Zuerst muss die Seele bewegt werden…“ Psychomotorik im Pflegeheim. Ein theoriegeleitetes Praxisbuch. 2. Auflage. Verlag modernes lernen. Dortmund

Fußnoten   [ + ]