Cover: Demenz in der LeistungsgesellschaftDas Thema Demenz lässt sich auf vielen Ebenen betrachten. Meistens sprechen wir darüber aus der Angehörigen- oder Betroffenenperspektive oder schauen aus medizinischer Sicht darauf. Die Anzahl dementiell veränderter Menschen nimmt stetig zu, Prognosen gehen davon aus, dass im Jahr 2050 ca. drei Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland leben werden. Diese Veränderungen betreffen meiner Ansicht nach nicht nur die Angehörigen und Betroffenen und auch nicht nur das Gesundheitssystem, sondern uns alle – als Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund lohnt es eine andere Ebene auszuwählen und aus der Vogelperspektive auf Demenz und Gesellschaft zu schauen.

Unermüdlich wird nach Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten für demenzielle Veränderungen geforscht, die Literatur ist in ihrer Fülle kaum mehr zu überblicken; sowohl Sachbücher wie auch persönliche Erfahrungsberichte, oftmals auch in Romanform, werden zu Bestsellern, Fernsehsender gestalten ganze Thementage und Zeitungen erstellen Sonderseiten. Aber nicht nur Wissenschaft und Medien beschäftigen sich mit Demenz, auch die Industrie hat sie für sich entdeckt und entwickelt Produkte, die zumindest der Werbung nach, genau auf die Bedürfnisse von dementiell veränderten Menschen zugeschnitten sind und deren Leben essentiell verbessern sollen. Es ist gut, dass diesem Thema auch in der Öffentlichkeit so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, damit es kein Tabuthema bleibt und insbesondere Angehörige nicht das Gefühl bekommen, mit ihrer Situation alleine zu sein.

Doch kann eine erweiterte Sichtweise auf Demenz auch als Chance und Aufgabe für unsere ausgeprägt leistungsorientierte und teilweise selbstbezogene Gesellschaft sein?

Die Leistungsgesellschaft

Wir sind geprägt durch einen immer stärker werdenden Leistungsgedanken, er zieht sich von der Kindheit, über die Schul- und Ausbildungszeit, bis hin zum Beruf, wo er besonders zum Tragen kommt. Sichtbare Erfolge zählen, und dafür wird dann auch schon mal erwartet, dass am Wochenende zuhause gearbeitet oder ein Urlaub für ein wichtiges Meeting unterbrochen wird. Älter werden und die vermeintliche Abnahme von Leistungsfähigkeit scheint in dieses System des höher, schneller, weiter nicht zu passen.  Beispiele wie die Frage nach der Rentenfinanzierung wenn es bei dem bisherigen Umlageverfahren bleibt, bis hin zu medizinisch-wirtschaftlichen Fragen zum Beispiel darüber, wer bis zu welchem Alter und durch welche Finanzierung noch ein künstliches Gelenk bekommen soll, zeigen, dass Älterwerden im Moment scheinbar nicht in die Entwicklung einer Gesellschaft passt, deren Fokus auf der Leistungssteigerung liegt.

Das Modell der Leistungsgesellschaft aber ist nicht aufgezwungen und als nun bestimmende Gesellschaftsform ausgerufen, sondern „Fortschritte in der Medizin und auch gesellschaftliche Emanzipationsprozesse, in deren Verlauf der Einzelne immer stärker zum souveränen, unabhängigen, für das Gelingen seines Lebens selbst verantwortlichen Individuum geworden ist, haben die unstillbare Sehnsucht nach einem Leben ohne Mangel, ohne Beschwerden, ohne Verzicht in eine feste Anspruchshaltung verwandelt.“1)Dammann/Gronemeyer (2009): S. 31 Aus dieser Perspektive lassen sich auch Stärken einer Leistungsgesellschaft zu erkennen. Der medizinische Fortschritt, ermöglicht einen Lebensstil, wie ihn heute viele ältere Menschen leben können, nämlich ein möglichst lange selbstbestimmtes Altwerden in der gewohnten und vertrauten Umgebung.

Die Anforderungen der Leistungsgesellschaft können aber nicht nur belasten, sondern auch entlastende Funktionen haben, denn die daraus resultierenden Vorgaben wie der Mensch sein Leben zu gestalten hat, um mithalten zu können, bieten Orientierung und ein Stück vorgegebene Sicherheit, das viele Menschen in Zeiten der Pluralisierung brauchen. Dahinter steht dennoch immer ein Anpassungsprozess, der Menschen in bestimmte Muster zwingt, die gerade ältere Menschen verunsichern und beängstigen können, weil sie diese aufgrund physischer und psychischer Veränderungen nicht mehr erfüllen können. Möglicherweise liegt hier der Schlüssel zum Verständnis, warum die Diagnose Demenz so viel aus der Bahn wirft und die Angst davor mittlerweile sogar größer ist als vor Krieg.2)Vgl.: https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/demenz-kriegsangst-umfrage-sorgen-deutsche-100.html
letzter Zugriff am 17.7.2020

Menschen mit Demenz lassen sich in keinen Anpassungsprozess zwingen, sondern fordern eine ganz andere Aufmerksamkeit der Gesellschaft, die über den medizinischen Rahmen hinausgeht, der aber im Diskurs oft im Fokus steht.

Rollator oder Fahrrad?

 

Leistungsgesellschaft vs. Demenz ?! Chance oder Kampfansage?

„In einer unaufhaltsam alternden Gesellschaft ist (…) gerade die Demenz von herausragender Bedeutung. Die erschreckend steigende Zahl von Menschen mit erheblichen kognitive Einbußen stellt eine auf geistige und körperliche Leistungsfähigkeit fixierte Umwelt vor enorme soziale, politische, ökonomische und moralische Herausforderungen.“3)Dammann/Gronemeyer (2009): S. 39 Zunächst muss man sich klar machen, dass die Zunahme von Menschen mit Demenz als eine logische Konsequenz der rasanten demographischen Entwicklung der Gesellschaft innerhalb der letzten 100 Jahre zu sehen ist. Durch bessere medizinische Versorgung, Veränderungen der Arbeitsbedingungen, Ausdifferenzierung der Lebensstile und Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten werden Menschen immer älter. Damit steigt eben auch das Risiko, dass Demenz als eine mögliche Alterserscheinung auftritt. Wie aber können nun Menschen mit Demenz an der Gesellschaft teilhaben? Die Soziologen Reimer Gronemeyer & Rüdiger Dammann liefern dafür eine Antwort: Demenz und soziale Teilhabe kann aber nur gelingen, wenn wir „(…) lernen, Menschen mit Demenz und ihrem merkwürdigen Betragen so zu akzeptieren, dass sie sich zu Hause fühlen. Der Polizist, der Briefträger, der Busschaffner, der Hausarzt, die Verkäuferin im Supermarkt: Wenn sie alle etwas über Demenz wüssten und lernen würden, liebevoll und verständig mit den Verrücktheiten umzugehen, dann würde die Welt der Normalen und die Welt der Dementen schon ganz anders aussehen. Einkaufen, Freizeitaktivitäten, Reisen und sogar Teilnahme an Gottesdiensten können schwierig werden, weil die ’normalen‘ Menschen mit der Demenz nicht umgehen können. Die ambulanten und stationären Dienste sind zur Unterstützung in der Versorgung hilfreich, aber sie können natürlich Freundschaft und Nachbarschaft nicht ersetzen. Der Besuch in der Gastwirtschaft, der Gang zum Friseur, das Gespräch mit dem Angestellten in der Postfiliale oder der Bank, das sind die ganz normalen Aktivitäten. Sie sind wichtig für die Teilnahme am Alltagsleben. Wenn die Menschen jedoch nicht auf die Begegnung mit Verwirrten vorbereitet werden, sind solche Aktivitäten gefährdet.“4)Dammann/Gronemeyer (2009): S. 167

Der Umgang mit Menschen mit Demenz kann uns daran erinnern, dass Leistung nicht das Einzige ist, was in unserer Gesellschaft zählen darf. Der Mensch ist nicht nur objektiver Leistungsträger, sondern auch mal glücklich, traurig, ausgebrannt, depressiv, optimistisch, begeistert, freudlos oder zufrieden und vieles mehr. Diese Rückbesinnung auf emotionale Haltungen und Handlungen können wir von Menschen mit Demenz wieder neu lernen. Wenn die Demenz den Menschen auch viele Fähigkeiten nimmt, die Emotionen bleiben unberührt, manchmal verstärken sie sich auch und werden weniger kaschiert ausgedrückt.

Immer wieder hört man, Menschen mit Demenz würden in ihrer eigenen Welt leben. Es signalisiert, dass diese Welt nicht zu unserem Verständnis von Gesellschaft und Verhalten passt.  Aber leben wir durch unser subjektives Empfinden nicht ein Stück weit alle in unserer eigenen Welt? Ist es nicht auch das, was den Menschen ausmacht? Die Fähigkeit die Welt selbstbewusst zu erleben, nicht nur ein kleines funktionierendes Zahnrad im großen Getriebe zu sein, sondern das Leben individuell, nach selbst gewählten Maßstäben, Möglichkeiten und Wünschen zu gestalten und im Dialog mit anderen auszuhandeln. Menschen mit Demenz vor allem in einem fortgeschrittenen Stadium, können häufig ihr Leben nicht mehr individuell und ohne Hilfe von anderen gestalten. Sie sind auf soziale Beziehungen angewiesen. Und zwar auf solche, die von Empathie und Emotionen getragen sind. Emotionale Nähe entsteht durch Authentizität und Ehrlichkeit. Nähe (im Pflegebereich ist es die professionelle Nähe) und Verständnis zuzulassen, ist nicht nur im Umgang mit Menschen mit Demenz von herausragender Bedeutung, sondern auch in einer Gesellschaft, in der Emotionen unter höchsten Leistungsanforderungen zu ersticken drohen.

Des Weiteren differenziert das Prinzip der Leistungsorientierung in Gewinner und Verlierer, in Starke und Schwache. Die Demenz uns zeigen, dass Menschen nicht immer stark sein können oder müssen. Denn genau das ist es, was die Leistungsgesellschaft häufig suggeriert und vor allem auch fordert. Dabei fallen Menschen mit Demenz in die Kategorie der Schwachen, weil sie ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen können. Doch gerade in einem Sozialstaat, dessen Aufgabe auch darin besteht, soziale Ungleichheiten auszugleichen und Menschen mit unterschiedlichsten Ausgangslagen Teilhabemöglichkeiten zu bieten, müssen die vermeintlich Schwachen Teil der Gesellschaft sein und Gehör finden. Oft herrscht unterschwellig noch die Vorstellung, dass die Demenz selbst verschuldet sei, dass es die treffe, die kein Gehirnjogging, gemacht haben, die sich falsch ernährt haben oder sozial schlecht eingebunden waren. Sicher führen diese Faktoren dazu, dass das Gehirn weniger gefordert und gefördert wurde und es schneller zu Leistungseinbußen kommen kann, aber Demenz lässt sich nicht weg trainieren. Auch sehr erfolgreiche Menschen, von denen immer Leistung erwartet wurde, sind vor dieser Möglichkeit des Altwerden nicht geschützt. Fälle von Personen, die in der Öffentlichkeit standen, wie z.B. dem Philologen und Schriftsteller Walter Jens, machen dies deutlich. Aber: Niemand ist gescheitert, nur weil er/sie dement ist, genauso wie niemand gescheitert ist, weil er/sie die Arbeitsstelle verloren hat oder ein Burn-Out hat.

Meines Erachtens ist der bedeutendste Punkt, den die Demenz uns lehren kann aber ein anderer: Menschen mit Demenz können mit dem vorgegebenen Tempo der Leistungsgesellschaft nicht mithalten. Deswegen ist die wesentliche, unausgesprochene Forderung von Menschen mit Demenz die Entschleunigung, die nicht nur für sie, sondern für alle gilt. Sie brauchen einen eigenen Rhythmus und einen stabilen Rahmen, der sie in ihren Fähigkeiten unterstützt und nicht vor unlösbare Anforderungen stellt. In einer 24/7 Gesellschaft können nur wenige mithalten. Trotzdem lautet das Motto weiterhin: „In einer dynamischen Gesellschaft ist der Stillstand wie der Tod.“5)Sennett (1998): S. 116

Die Entwicklung unserer Gesellschaft hängt auch davon ab, wie wir uns mit dem Altern auseinandersetzen. Im Moment passiert das im medizinischen Bereich und in der Pflege oft durch Katalogisierung und Bewertungskonzepte, die Bedürfnisse der Menschen und die Qualität der Institutionen in Kategorien darstellen sollen. Doch grade Menschen mit Demenz, lassen sich nicht in vorgeplante Konzepte stecken, hier ist ein personen-zentrierter Ansatz unumgänglich. Eine Demenz bringt Veränderungen mit sich, die von unserer normalen Vorstellung des Gesund-seins innerhalb der Leistungsgesellschaft abweicht. Das Prinzip der Leistungsgesellschaft bereitet also einen fruchtbaren Nährboden für die Wahrnehmung der Demenz als Krankheit und die daraus resultierende Marginalisierung der Betroffenen.

Der Mensch bleibt der Mensch der er gewesen ist und darf nicht durch gesellschaftlich konstruierte Vorstellung von Gesundheit und Krankheit zu etwas anderem gemacht werden. Hilfreich dabei ist, sich auf die Überlegung einzulassen, dass unser gesellschaftliches Verhalten oft dem der Dementen ähnlich ist. Die „exzessive Mobilität, die wir ‚Normalen‘ leben, äußert sich ironisch in der sinnlosen Herumrennerei von Dementen. (…) Die Festplattenkultur der Gegenwart, die nichts mehr aktiv erinnern muss, weil ja alles auf Datenträgern abgespeichert ist, schlägt sich mit letzter Konsequenz in den erinnerungslosen Demenz-Klienten nieder.“6)Dammann/Gronemeyer (2009): S. 65

Die Leistungsgesellschaft kann aber auch ihre Stärke nutzen und technische Hilfen entwickeln, die Menschen auf dem Weg in und durch die Demenz unterstützen. Wenn wir den Versuch unternehmen, die Demenz als eine mögliche Form des Alterns zu sehen, bietet es die Chance, unseren Blick zu ändern. Zu Gunsten dementiell veränderter Menschen und zu unseren Gunsten, denn es würde uns einerseits die Möglichkeit bieten unsere Ängste vor dem Alter zu verringern und andererseits uns wirklich von einem Druck entlasten. Da wir nicht mehr alles dafür tun müssen, um einem Idealbild in Bezug auf ein würdevolles Altern, am besten ohne Krankheit und Einschränkungen zu entsprechen.

„Menschen mit Demenz gehören zu uns, sie sind unsere Geschwister, sie sind die Rückseite unserer von Beschleunigung besessenen Gesellschaft. (…) Deswegen sind sie wichtig für uns: Weil sie uns etwas über unser Gemeinwesen erzählen und uns die Richtung weisen, in der wir eine gesellschaftliche Zukunft suchen müssen.“7)Ebd. S. 195

 

Quellen:

  • Damman, Rüdiger / Gronemeyer, Reimer (2009): Ist Altern eine Krankheit? Wir wir die gesellschaftlichen Herausforderungen der Demenz bewältigen. 1. Auflage. Campus Verlag Frankfurt am Main.
  • Sennet, Richard (1998): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. 8. Auflage. Berlin Verlag, Berlin
  • ZDF (2020): https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/demenz-kriegsangst-umfrage-sorgen deutsche-100.html letzter Zugriff am 17.7.2020

Fußnoten   [ + ]