Zu Beginn dieses Blogeintrages sei gesagt, dass es sich hier nur um einen kurzen Impuls zum Thema Altersbilder handeln kann. Eine ausführliche Auseinandersetzung kann ganze Bücher füllen. Zudem kann und muss das Thema auch immer wieder in verschiedenen, spezifischen Kontexten betrachtet werden. Altersbilder in der Pflege, Altersbilder in anderen Kulturen, Altersbilder in den Medien, etc…

Dem vorangestellt ist eine grundsätzliche Sensibilisierung für ein differenziertes Altersbild durchaus sinnvoll. Besonders die aktuelle Corona-Pandemie hat gezeigt, dass beim Thema Altersbilder noch viel zu tun gibt. Und darum soll es im Folgenden gehen.

„In Sachen Altersbild hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen. Die Lebensbedingungen im Alter, die Erwartungen älterer Menschen an das Leben sowie die gesellschaftlichen Anforderungen an das Älterwerden haben sich verändert.“
Erhardt; Hoffmann; Roos, 2014 S. 22

Älterwerden lässt sich nicht einheitlich beschreiben, trotzdem sind immer noch viele ähnliche, teilweise defizitäre Altersbilder in der Gesellschaft verankert. Und das obwohl ältere Menschen in vielen gesellschaftlichen Bereichen tragende Säulen sind und das Leben in vielen Bereichen aktiv mitgestalten. Sie engagieren sich in Vereinen und Kirchen, unterstützen die nachfolgenden Generationen ideell und finanziell und sind in der Wirtschaft als Kaufkraft nicht zu unterschätzen. Insbesondere die Corona-Pandemie hat dazu beigetragen die langjährigen Bemühungen der Gerontologie, ein vielfältiges Alter(n)sbild zu etablieren, ein ganzes Stück zu verlangsamen, wenn nicht sogar zurückzuwerfen.

Altersbilder in der Corona-Pandemie

Die Gerontologie steht dafür ein pluralistisches Altersbild in der Gesellschaft zu verankern, aber die aktuelle Situation gefährdet diese Anstrengung, denn es besteht die Gefahr, dass sich einseitig-negative Einstellungen gegenüber älteren Menschen verfestigen. Viele wurden aufgrund ihres kalendarischen Alters plötzlich kollektiv zur Risikogruppe erklärt. In der Berichterstattung waren sie die „Alten“ & „Schwachen“, die es zu schützen gilt.
Wenn eine Gesellschaft eine bestimmte Gruppe schützen will, ist das ja erstmal etwas Gutes, aber das vorhandene Altersbild der „Schwachen“ führte dazu, dass schnell über Ältere statt mit ihnen gesprochen wurde und damit wurden teilweise altersdiskriminierende Mechanismen bedient. Auch die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie warnt vor diskriminierenden Einstellungen.

„Es entsteht ein Bild von älteren Menschen als Mitglieder der Gesellschaft, die in Bezug auf die Corona-Pandemie ohne Handlungsspielräume und ohne Stimme sind.“
DGGG, 2020 S. 1

Gerade in dieser Zeit muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass ältere Menschen, insofern es krankheitsbedingt nicht anders ist, für sich selber entscheiden können, wie sie sich schützen. Allerdings müssen sich alle darüber im Klaren sein, dass es in dieser besonderen Situation um eine gegenseitige Verantwortung handelt. Es geht also nicht nur um den Fokus Ältere zu schützen, sondern auch darum, dass sie andere schützen.

Ungewollte Reproduktion von Altersbildern

Ein wichtiges Thema bei Altersbildern ist die Zuschreibung aufgrund äußerer Merkmale. Immer wieder höre ich Sätze wie: „Für 70 sieht sie aber noch gut aus“ oder „Also, meint man auch nicht, dass er schon 80 wird“.
Dies sind zunächst scheinbar nett gemeinte Sätze und den meisten ist vermutlich nicht bewusst, dass dahinter ein Diskriminierungsmechanismus steckt, der tradierte Altersbilder reproduziert. Denn damit wird eigentlich ausgedrückt, dass es ganz bestimmte Vorstellungen gibt, wie Menschen mit einem bestimmten Altern aussehen und sich verhalten. Auf die Gegenfrage wie denn jemand mit zum Beispiel 70 aussieht oder woran man merken sollte, dass er oder sie 80 wird, bekomme ich meistens keine Antwort.

Genauso verhält es sich mit der Zuschreibung von Rollen aufgrund des Alters. „Das ist aber eine süße Omi“, soll vermutlich erstmal wieder ein Kompliment sein. Aber damit wird sie auf eine Rolle festgelegt (Großmutter), von der nicht bekannt ist, ob sie diese Rolle hat, sie als erwachsene Person wird verniedlicht und es werden vermeintlich großmütterliche Attribute auf sie projiziert.

Diese zwei Beispiele, die Berichterstattung während der Corona-Pandemie und alltägliche nett gemeinte Sätze über ältere Menschen zeigen, dass teilweise immer noch sehr einheitlich über das Alter(n) gesprochen wird. Dabei gibt es tagtäglich viele Beispiele wie vielfältig es wirklich ist:

  • Der 95-Jährige, der vor 4 Jahren einen schweren Fahrradunfall überstanden hat und sich mit viel Sport zurück ins Leben gekämpft hat.
  • Die 86-Jährige, die wegen ihrer Geheinschränkung und der Corona-Beschränkungen technisch nachgerüstet hat und nun an digitalen Treffen teilnimmt
  • Der 70-jährige, der wegen einer Muskel-Skelett-Erkrankungen im Rollstuhl sitzt aber jeden Tag tolle Gedichte schreibt
  • Die 92-Jährige, die an der Tischtennisplatte so richtig aufblüht und nur da ihre Hüftschmerzen nicht merkt
  • Die 70-Jährige, die sich gemeinsam mit ihren Enkeln tätowieren lässt.
  • Die vielen älteren freiwillig Engagierten, die Projekte im In- und Ausland fördern

Diese Liste ließe sich nun unendlich weiterführen, zeigt aber schon in dieser Kürze was Alter ist: Vielfältig und zwar genauso wie jede andere Lebensphase auch.

Fünf Impulse für neue offene Altersbilder

  1. Vielfältige Sprache: Älterwerden, ältere Menschen, Menschen in der zweiten Lebenshälfte statt nur alt und Alter. Denn wo fängt eigentlich Das Altsein an?
  2. Weg vom kalendarischen Alter: Was sagt es über einen Menschen aus? Es kann eine Einschätzung zur Lebenserfahrung geben aber Biographien sind trotz des gleichen Alters immer unterschiedlich.
  3. Stereotype vermeiden: Ältere Menschen sollten nicht auf ein Merkmal festgelegt werden. Sie sind mehr als „die süße Omi“, „der gebrechliche Nachbar“ und „der verwirrte ehemalige Kollege“
  4. Wir“ und „Die“ vermeiden: „Wir“ sind die Älteren von morgen und „Die“ waren die Jungen von gestern. Trotzdem sind wir alle gemeinsam hier und tragen für vieles eine gemeinsame Verantwortung. Egal wie alt wir sind. Ein Generationenkrieg wird oft nur von den Medien dargestellt, viel öfter aber findet ein Generationendialog statt. Und den sollte es auch weiterhin geben, denn wir können immer voneinander lernen.
  5. Mit älteren Menschen sprechen und austauschen und dadurch ressourcenorientiert denken lernen. Sehen wir zuerst die Fähigkeiten und Potentiale statt Defizite.